Die politischen und sicherheitsbezogenen Entwicklungen im Iran am Vorabend des Frühlings 1405 verdeutlichen eine zunehmende Verschärfung des Drucks auf politische Gefangene in einer der sensibelsten Phasen des Landes. In diesem Kontext hat die Vollstreckung der Todesurteile gegen zwei politische Gefangene – Mohammad Taqavi Sangdehi und Ali-Akbar (Shahrokh) Daneshvar-Kar – im Morgengrauen des 30. März 2026 (10. Farvardin 1405) im Gefängnis Qezel-Hesar in Karaj die Aufmerksamkeit erneut auf die Verfahren gegen politische Gefangene gelenkt.
Diese Hinrichtungen fanden unter Bedingungen statt, die von zahlreichen Berichten über schwerwiegende Verstöße gegen die Grundsätze eines fairen Verfahrens begleitet waren: fehlender effektiver Zugang zu Rechtsbeistand, extrem kurze Gerichtsverhandlungen sowie die Heranziehung von unter Druck erzwungenen Geständnissen. Besonders alarmierend ist zudem, dass die Urteile ohne vorherige Information der Familien und Anwälte und in den frühen Morgenstunden vollstreckt wurden – ein Vorgehen, das grundlegende rechtsstaatliche Garantien in Fällen mit irreversiblen Folgen infrage stellt.
Gleichzeitig wirft der Zeitpunkt der Hinrichtungen – in einer Phase, in der sich das Land in einer kriegsähnlichen Situation befindet – ernste Fragen auf: Wird die Krise genutzt, um öffentliche und internationale Aufmerksamkeit zu reduzieren und die Kontrolle über Verfahren gegen politische Gefangene zu schwächen?
Beschreibung des Geschehens
Berichten zufolge wurden am frühen Morgen des Montags, dem 30. März 2026, die beiden politischen Gefangenen Mohammad Taqavi und Akbar Daneshvar-Kar im Gefängnis Qezel-Hesar hingerichtet. Die Nachricht wurde durch ein mit der Justiz verbundenes Medium veröffentlicht.
Die Hinrichtungen erfolgten überraschend und ohne vorherige Benachrichtigung der Familien oder der Rechtsanwälte der Betroffenen. Zudem deuten Berichte darauf hin, dass die Vollstreckung unter außergewöhnlichen Umständen stattfand, während das Land militärischen Spannungen ausgesetzt war.
Strukturelle Kritik am Justizverfahren
Die Todesurteile wurden von der 26. Abteilung des Revolutionsgerichts in Teheran unter Vorsitz von Richter Iman Afshari verhängt – in einem Kontext, der von dokumentierten Verletzungen rechtsstaatlicher Standards geprägt ist. Den Angeklagten wurde ein wirksamer Zugang zu Anwälten verwehrt, und die Verhandlungen dauerten nur kurze Zeit. Die Verwendung von unter Druck erlangten Geständnissen stellt die Glaubwürdigkeit des gesamten Verfahrens ernsthaft infrage und widerspricht Artikel 14 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte.
Die Anklage wegen „Baghi“ (bewaffneter Aufstand) – eine der schwerwiegendsten strafrechtlichen Anschuldigungen – wurde in diesem Fall in einer Weise ausgelegt, die weit über eine direkte Beteiligung an bewaffneten Handlungen hinausgeht. Eine solche Auslegung öffnet die Tür zur Kriminalisierung politischer oder organisatorischer Aktivitäten und verstärkt die Sorge über den Missbrauch dieses Vorwurfs gegen politische Gefangene.
Darüber hinaus weisen Berichte darauf hin, dass die Hinrichtungen vollstreckt wurden, obwohl das Verfahren vor dem Obersten Gericht noch nicht vollständig abgeschlossen war und die Verteidiger über den Zeitpunkt der Vollstreckung nicht informiert wurden.
Hintergründe und Biografien
Mohammad Taqavi Sangdehi, geboren 1966, war Absolvent der Fakultät der Schönen Künste der Universität Teheran im Fach Grafik und zählt zu den politischen Gefangenen der 1980er Jahre. Seit den frühen Jahren nach der Revolution war er aufgrund politischer Aktivitäten wiederholt inhaftiert. 2020 wurde er erneut festgenommen und nach rund drei Jahren Haft im Jahr 2022 freigelassen. Bereits 2023 wurde er erneut verhaftet und in die Abteilung 209 des Evin-Gefängnisses überführt.
Er galt als jemand, der sich trotz intensiven Drucks und Verhören konsequent weigerte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe anzuerkennen. Auch während seiner letzten Haftperiode lehnte er es ab, Verhörprotokolle zu unterzeichnen, und stellte den Ablauf des Verfahrens offen infrage.
Ali-Akbar (Shahrokh) Daneshvar-Kar, ebenfalls 1966 geboren, war Bauingenieur und Absolvent der Technischen Universität Khajeh Nasir al-Din Tusi in Teheran. Er war verheiratet und Vater eines Kindes. Aufgrund seiner politischen Vergangenheit war ihm der Zugang zu regulärer Beschäftigung verwehrt, weshalb er als freiberuflicher Ingenieur und Motorradkurier arbeitete.
Er wurde im Januar 2024 in seiner Wohnung in Teheran festgenommen und ebenfalls in die Abteilung 209 des Evin-Gefängnisses gebracht. Ihm wurden unter anderem „Baghi“, „Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“ und „Gründung illegaler Gruppen“ vorgeworfen.
Standhaftigkeit und Haltung
In den Monaten vor ihrer Hinrichtung veröffentlichten beide Gefangene Briefe und Botschaften aus dem Gefängnis, die ein eindrucksvolles Bild ihrer Entschlossenheit zeichnen.
Daneshvar-Kar schrieb in einem Brief, dass sein Prozess nur wenige Minuten gedauert habe und das Urteil auf erzwungenen Geständnissen basiere. Er erklärte:
„Mit dem Gedenken an jene, die ihr Leben für Freiheit und Heimat gegeben haben, verspüre ich weder Angst noch Unruhe vor diesem Urteil… Ich bin stolz darauf, dass mein Leben der Preis für die Freiheit Irans sein könnte.“
Gemeinsam mit anderen Angeklagten schlossen sich beide zudem der Kampagne „Dienstage gegen die Todesstrafe“ an und erklärten, dass sie das bestehende Justizsystem nicht als legitim anerkennen.
Haftbedingungen
Beide Gefangene wurden nach ihrer Festnahme monatelang in Einzelhaft gehalten. Berichte sprechen von langanhaltenden Verhören und erheblichem Druck zur Erzwingung von Geständnissen.
Mohammad Taqavi trat aus Protest gegen die Haftbedingungen in den Hungerstreik, was zu einer deutlichen Verschlechterung seines Gesundheitszustands führte – dennoch blieb er bei seiner Haltung.
Weitere Gefangene in Gefahr
Der Fall betrifft auch weitere politische Gefangene, die weiterhin von der Hinrichtung bedroht sind, darunter Babak Alipour, Vahid Bani Amerian, Pouya Qobadi und Abolhassan Montazer.
Internationale Reaktionen
Amnesty International erklärte in einer Stellungnahme:
„Sechs politische Gefangene – Abolhassan Montazer, Akbar Daneshvar-Kar, Babak Alipour, Mohammad Taqavi Sangdehi, Pouya Qobadi und Vahid Bani Amerian – sind nach grob unfairen Verfahren im Iran von der Hinrichtung bedroht… Die Behörden müssen die geplanten Hinrichtungen sofort stoppen, die Urteile aufheben und die Betroffenen freilassen.“
Auch der UN-Sonderberichterstatter für die Menschenrechtslage im Iran äußerte Besorgnis über Berichte zu Folter, erzwungenen Geständnissen und fehlendem Zugang zu medizinischer Versorgung.
Rechtliche Einordnung
Nach dem Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte darf die Todesstrafe nur unter strikter Einhaltung fairer Verfahren verhängt werden. Die vorliegenden Berichte – insbesondere fehlender Zugang zu Anwälten, erzwungene Geständnisse und die Vollstreckung ohne Vorankündigung – deuten auf schwerwiegende Verstöße gegen diese Standards hin.
Auch die langandauernde Einzelhaft und der ausgeübte Druck stehen im Widerspruch zum absoluten Verbot von Folter und unmenschlicher Behandlung.
Fazit
Die Hinrichtung von Mohammad Taqavi und Akbar Daneshvar-Kar erfolgte unter Umständen, die von zahlreichen Berichten über Verletzungen grundlegender Rechte begleitet sind. Beide Gefangene blieben bis zuletzt standhaft und wiesen die gegen sie erhobenen Vorwürfe zurück.
Gleichzeitig verstärkt die fortgesetzte Verhängung ähnlicher Urteile gegen weitere politische Gefangene die Sorge vor einer Wiederholung solcher Fälle.
Internationale Verurteilung und dringender Handlungsbedarf
Angesichts der schwerwiegenden Verfahrensmängel und der Umstände dieser Hinrichtungen wird die Notwendigkeit einer entschlossenen internationalen Reaktion deutlich.
Mit Blick auf die Gefahr weiterer Hinrichtungen ist ein sofortiges Handeln erforderlich. Internationale Institutionen – insbesondere die Menschenrechtsmechanismen der Vereinten Nationen – sind gefordert, alle verfügbaren Mittel einzusetzen: von offiziellen Interventionen über Forderungen nach einem Hinrichtungsstopp bis hin zur kontinuierlichen Überwachung der Situation der Gefangenen.
Die Einhaltung internationaler Verpflichtungen – insbesondere das Recht auf ein faires Verfahren, das Verbot von Folter und der Schutz des Rechts auf Leben – muss dabei im Mittelpunkt stehen.